Das Vikunja
Lama vicugna
Das Vikunja (Lama vicugna) ist eine der vier Kamelformen der Neuen Welt. Vikunjas sind soziale, gesellige Tiere und leben in Herden von bis zu 20 Tieren. Eine solche Familiengruppe besteht aus einem Männchen, fünf bis zehn erwachsenen weiblichen Tieren und den Jungtieren, die weniger als ein Jahr alt sind.

Vikunja (Lama vicugna). Foto von York von Schönfels.
Der Kopf des Vikunjas ist klein, die Ohren sind lang und aufrecht stehend, der Körper ist schlank. Das Vikunja ist kleiner als das Guanako (Lama guanicoe), das Fell ist von hellerer Farbe und es fehlt die dunkle Farbe im Gesicht.
Ruhle, Bilder aus der Tierwelt, 1889 – nach Joh. Jak. v. TschudiDie Vicuña (sprich: Wikunja) ist zierlicher als das verwandte Lama. An Größe steht sie zwischen dem Lama und Paco, unterscheidet sich aber von beiden durch viel kürzere und gekräuseltere Wolle von ausnehmender Feinheit. Der Scheitel, die obere Seite des Halses, der Rumpf und die Schenkel sind von eigentümlicher, rötlich-gelber Färbung (Vicuñafarbe); die untere Seite des Halses und die innere der Gliedmaßen hell-ockerfarben, die 12 cm langen Brusthaare und der Unterleib weiß.
Auchenia vicugna. Diese wunderbare Abbildung stammt aus dem sehr seltenen und schwer zu beschaffenden Buch „Untersuchungen über die Fauna Peruana“ von Johann Jakob von Tschudi, 1844–1846.
Lebensraum und Verbreitung des Vikunjas (Lama vicugna)
Verbreitung des Vikunjas (Lama vicugna).
Lebensraum des Vikunjas sind die südamerikanischen Anden in einer Höhe von 3.500 m bis 5.750 m (Alpine Tundra), oberhalb der Baumgrenze und unterhalb der Schneegrenze. Das Blut der Vikunjas weist Eigenarten auf, die ein Leben in solchen Höhen möglich machen. Anderen Säugetieren geht in solch luftiger Höhe schnell die Puste aus.
Die Vikunjas leben heute im Süden Perus und Boliviens, in Nordchile und im Nord-Westen Argentiniens.
Früher hatten die Vikunjas ein weiteres Verbreitungsgebiet, möglicherweise bis nach Ecuador. Sie wurden durch Jagd durch den Menschen fast ausgerottet.
Fossilien von Vikunjas wurden auch in Küstenregionen gefunden. Dies spricht dafür, dass das Vikunja nicht immer auf Bereiche im Hochgebirge beschränkt waren. Erst als die Vikunjas aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten durch andere Tiere verdrängt wurden, wurde die Adaption an große Höhen wichtig.
Zoologische Systematik des Vikunjas
Das Vikunja gehört als Säugetier zur Klasse Mammalia, Ordnung Artiodactyla (Paarhufer), Unterordnung Tylopoda (Schwielensohler), Familie Camelidae (Kamelartige), Gattung Lama. Art Lama vicugna.
Manche Autoren ordnen das Vikunja innerhalb der Familie Camelidae als eigene Gattung ein, Vicugna (Lesson 1742). Der Name der Art lautet dann Vicugna vicugna (Molina 1782). Auf dieser Website wird das Vikunja als Lama vicugna eingeordnet. Einen Überblick über alle rezenten Kamelarten finden Sie auf der Seite über die Systematik der Camelidae.
Sind die Vikunjas die Vorfahren der Alpakas?
Über die Verwandtschaftsverhältnisse der Kamele der Neuen Welt findet man verschiedene Theorien. Das domestizierte Lama stammt wohl vom Guanako ab. Stammt das Alpaka (Lama pacos) ebenfalls vom Guanako ab oder ist das Vikunja (Lama vicugna) sein Vorfahre?
Eine Theorie besagt, dass das Alpaka hauptsächlich vom Guanako abstammt, aber auch ein wenig Vikunja hineingekreuzt wurde. Eine andere Theorie sieht das Vikunja als Vorfahre des Alpakas an, wobei dann genetisches Material vom Guanako erst später hinzukam.
Vikunjas (Lama vicugna). Die Abbildung stammt aus Ruhle, Bilder aus der Tierwelt, 1889.
Lebensweise des Vikunjas
Vikunjas (Lama vicugna) leben sozial in Familiengruppen. Eine solche Gruppe besteht aus etwa 5 bis 10 Tieren und wird von einem erwachsenen männlichen Tier angeführt, welches darüber entscheidet, wer zur Gruppe gehört.
Vikunjas (Lama vicugna) sind soziale Tiere und leben in Familiengruppen. Foto von York von Schönfels.
Die Vikunjas leben territorial. Sie verteidigen ein Futterterritorium und ein separates Schlafgebiet. Die Ausbreitung des Territoriums wird von dem männlichen Tier, das die Gruppe führt, festgelegt. Es kommen auch Familien ohne dauerhafte Territorien vor, Gruppen, die nur aus männlichen Vikunjas bestehen, und männliche Einzelgänger (Nowak, Paradiso, 1983).
Bei Gefahr warnt das Männchen die anderen Familienmitglieder durch das „Pfeifwarnen“, auch „Alarmtriller“ genannt, und stellt sich zwischen die Quelle der Bedrohung und die restliche Tiere der Gruppe, während diese sich in Sicherheit bringen.
Ruhle, Bilder aus der Tierwelt, 1889 – nach Joh. Jak. v. TschudiWährend der nassen Jahreszeit halten sich die Vicuñas auf den Kämmen der Kordilleren auf, wo die Pflanzenwelt nur höchst spärlich sich zeigt. Sie bleiben, weil ihre Hufe weich und empfindlich sind, immer auf den Rasenplätzen und ziehen sich, auch verfolgt, niemals auf die steinigten, nackten Gipfel und noch viel weniger, wie unsere Gemsen, auf Gletscher und Schneefelder zurück. In der heißen Jahreszeit steigen sie in die Thäler hinab. Der scheinbare Widerspruch, daß die Tiere im Winter die kalten, im Sommer die heißen Gegenden aufsuchen, erklärt sich dadurch, daß während der trockenen Jahreszeit die Kordillerenrücken ganz ausgedörrt sind und die überhaupt spärliche Pflanzenwelt ihnen nur in den Thälern, wo es Quellen und Sümpfe giebt, hinreichende Nahrung darbietet. Sie grasen fast den ganzen Tag, und es ist eine Seltenheit, einmal ein liegendes Rudel dieser Tiere zu überraschen.
Die Wolle der Vikunjas ist die beste der Welt
Die Wolle der Vikunjas gilt als die beste der Welt. Wer einen Schal oder Pullover aus Vikunjawolle besitzen möchte muss sehr viel dafür bezahlen.
Ruhle, Bilder aus der Tierwelt, 1889 – nach Joh. Jak. v. TschudiSchon seit langer Zeit schoren die Indianer auch die Vicuñas und verfertigten aus der Wolle kostbare Decken, welche das Aussehen weißseidenen Stoffes hatten und lange ausdauerten, zumal da sie nicht gefärbt zu werden brauchten. Derartige Kleider waren besonders für die heiße Witterung geeignet. Noch gegenwärtig webt man die feinsten und dauerhaftesten Stoffe aus dieser Wolle und filzt haltbare, weiche Hüte aus ihr.
Das Vikunja wurde von den Inkas nicht domestiziert
Das Vlies der Vikunjas ist von überragender Qualität. Warum wurden diese Tiere nicht schon von den Indianern domestiziert? Der Grund für das Scheitern der Versuche die Vikunjas zu domestizieren scheint im Paarungsverhalten dieser Tiere zu liegen. Vor der eigentlichen Paarung wird ein kompliziertes Paarungsritual durchgeführt. Dieses Paarungsritual wird durch Gefangenschaft gehemmt oder verhindert (Ucko, Dimbleby, 1969). Deshalb haben Vikunjas in Gefangenschaft selten Nachwuchs. Lamas (Lama glama) und Alpakas (Lama pacos) haben ähnliche Paarungsrituale. Allerdings sind diese weniger komplex.
Das Vikunja (Lama vicugna) galt bei den Inkas als nicht domestizierbar. Allerdings wurden seit präkolumbianischen Zeiten wildlebende Herden alle 2-5 Jahre zusammengetrieben und geschoren. Die geschorenen Tiere wurde dann wieder freigelassen. Und das Vlies bekamen selbstverständlich die Inkaherrscher. Wer nicht dem Adel angehörte und trotzdem Vikunjawolle trug, beging ein schweres Verbrechen.
Die große Beliebtheit der Vikunjawolle bei den spanischen Eroberern führte zu einer ernsten Gefährdung der Bestände. Die Vikunjas wurde von ihnen mit Gewehren erschossen. Schutzbestimmungen brachte dann Simón Bolívar (1783–1830), der Befreier von den spanischen Kolonialherren, im Jahr 1827.
Ruhle, Bilder aus der Tierwelt, 1889 – nach Joh. Jak. v. TschudiIm Jahre 1827 erließ Bolivar, jener thatkräftige Befreier des spanischen Südamerika, ein Gesetz, demzufolge die gefangenen Vicuñas nicht getötet, sondern nur geschoren werden sollten. Das Gesetz blieb aber nicht in Kraft; denn das Scheren dieser Tiere wurde durch ihre Wildheit fast unmöglich gemacht. Zur Zeit der Inkas wurden die Jagden in viel großartigerem Maßstabe ausgeführt: sie versammelten jährlich bis dreißigtausend Indianer, welche aus einem Umkreise von zwanzig Meilen alles Wild in einen ungeheuren, auf vorbenannte Weise umzäunten Platz treiben mußten. Bei dem sich immer enger schließenden Kreise wurden die Reihen der Indianer zuletzt verdoppelt und vervielfacht, daß kein Tier entfliehen konnte. Die schädlichen, wie die Bären, Kuguare und Füchse, wurden getötet, von den Hirschen, Rehen, Vicuñas und Huanacos nur eine bestimmte Anzahl. Es sollen oft bis gegen vierzigtausend Tiere zusammengetrieben worden sein. Wenn Huanacos in die jetzigen Umzäunungen kommen, so durchbrechen sie die Schnur oder setzen darüber weg, und dann folgen ihnen auch die Vicuñas. Es wird daher beim Treiben wohl acht darauf gegeben, keine der ersteren mitzujagen. Sobald alle Vicuñas in der Umzäunung getötet sind, wird der Faden aufgerollt und einige Meilen weiter wieder aufgestellt. Die ganze Jagd dauert eine Woche. Die Anzahl der in dieser Zeit getöteten beträgt oft nur fünfzig, oft aber auch mehrere hundert. Ich nahm während fünf Tage an einer solchen Jagd teil; es wurden 122 Vicuñas gefangen, und aus dem Erlöse der Felle ein neuer Altar in der Kirche gebaut.
Der Bestand der Vikunjas ist bedroht
Vikunja (Lama vicugna).
Zu präkolumbianischen Zeiten gab es schätzungsweise 1.000.000 bis 1.500.000 Vikunjas. Mit dem Fall des Inkareiches wurde der Bestand stark reduziert, weil die Tiere wegen ihrer Wolle und ihres Fleisches gejagt wurden. Eine Schätzung von 1950 nennt einen Bestand von 400.000 Tieren. Die Nachfrage nach Vikunjaprodukten stieg, die Jagd auf Vikunjas wurde verstärkt und domestizierte Tiere machten sich im Lebensraum der Vikunjas breit. Dadurch wurde der Bestand in den folgenden Jahren dramatisch veringert. 1967 schätzte man die Vinkunjapopulation auf nur noch 10.000 Tiere. Schutzmaßnahmen führten zu einer Regeneration auf 80.000 Individuen (Nowak, Paradiso, 1983).
1993/94 gab es schätzungsweise 48.000 Vikunjas in Peru, 25.000–28.000 in Argentinien, 26.000 in Chile und etwa 500 in Ecuador (Carwadine, 2000), also insgesamt eine Population von ca. 100.000 Tieren.
In den Vikunja-Ländern gibt es nun Schutzprogramme, die eine Nutzung der Vikunjas durch den Menschen zulassen. Vikunjaherden werden wie in Inkazeiten zusammengetrieben, die Tiere werden geschoren und wieder freigelassen.
CITES
(Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora)
listet das Vikunja in den Appendices I und II auf. Der Handel mit Tieren und Pflanzen, die in Appendix I aufgeführt werden, ist völlig verboten. Die Arten aus Appendix II
dürfen unter besonderen Umständen gehandelt werden: Man benötigt Ein- und Ausfuhrgenehmigungen und muss die Unschädlichkeit
für den Bestand nachweisen. Die Einteilung in Appendix I oder Appendix II richtet sich danach, welche Vikunjapopulation geographisch betrachtet wird.
CITES – Appendices I, II, III
Das Vikunja taucht auf der Roten Liste der weltweit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten der
IUCN auf.
Diese Liste wird alle zwei Jahre von der Weltnaturschutzorganisation
IUCN
(International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) veröffentlicht.
Derzeit hat das Vikunja den Status Lower Risk, Conservation Dependent.
IUCN – Lama vicugna
Ressourcen
- Politics Of Consumption And Conservation: The Vicuña Trade In Peru Amy Elizabeth Cox, 2003.
- Vicuña use by Andean communities: a risk or an opportunity? G. Lichtenstein and N. Renaudeau d’Arc, 2003.
Literatur zum Thema
- Johann Jakob von Tschudi, Untersuchungen über die Fauna Peruana, 1844–1846.