Höckermythen und Lehrbuchphantome

Skurile Behauptungen und abstruse Theorien über Kamele

Über Kamele wurden schon seltsame Geschichten in Umlauf gebracht. Vor allem die Höcker und der geheimnisvolle Wasserhaushalt der Dromedare, die tagelang ohne Wasser in der heißesten Wüste überleben, haben die Phantasie der Menschen beflügelt. Einige Vermutungen wurden zu detailierten Theorien ausgesponnen und überlebten die folgenden Jahrhunderte als „Lehrbuchphantome“.

Diese Seite ist eine Sammlung besonders beliebter oder skuriler Lehrbuchphantome und Mythen. Einige sind längst als unsinnig erkannt und verlassen worden, andere sind auch heute noch an mancher Stelle anzutreffen.

Das Märchen von den „Wasserzellen“ im Magen der Kamele

Die Behauptung, dass Kamele in speziellen „Zellen“ oder „Kammern“ des Magens Wasser für eine spätere Verwendung speichern können, findet sich schon in der Naturalis Historia des Universalgelehrten C. Plinius Secundus (23 bis 79 n. Chr.). Die Naturgeschichte des älteren Plinius war bis tief ins 19. Jahrhundert eine wichtige Grundlage naturwissenschaftlicher Lehre.

In Not geratene Wüstenreisende sollen schon ihre Kamele geschlachtet haben, um das Wasser aus den „Wasserzellen“ zu trinken. Thomas Smith gibt 1806 eine recht ausführliche Darstellung der Theorie:

Their surprising power of abstaining from drinking appears, on examination, to be an effect of their internal structure; the second stomach being formed of numerous cells several inches deep, and the orifices apparently capable of muscular contraction. When the animal drinks, it has, probably, a power of directing the water into these cells, instead of letting it pass into the first stomach; and when these are filled, the rest of the water will be kept in that stomach, by which means a quantity of water may be kept separate from the food, serving occasionally to moisten it in its passage to the true stomach, for several days.

When travellers, in Arabia, are greatly distressed for water, they frequently kill a camel, for what he contains; which is always sweet and wholesome.

Thomas Smith, The Naturalist’s Cabinet, Vol. I, London, 1806

Auch Marshall schreibt in Die Tiere der Erde einen Absatz über die verzweifelten Reisenden, die in der Hitze der Wüste den Mageninhalt ihrer Kamele nach Wasser durchstöbern:

Die Speiseröhre mündet unmittelbar in den Pansen, der in seinen Wandungen mehrere Reihen mit seinem Innenraume durch enge Oeffnungen kommunizierender Aussackungen hat, die sich auf der Außenseite als runde Buckel markieren. Das sind die sogenannten Wasserzellen. Sie sollen der in dem Pansen befindlichen Nahrung Feuchtigkeit entziehen und in sich aufnehmen. Ich möchte eher glauben, daß etwas von dem getrunkenen Wasser, das ja teilweise in den Pansen gelangt, in sie übertritt.

Es ist eine bekannte und sehr alte Geschichte, daß man in den die Wüsten durchziehenden Karawanen, wenn völliger Wassermangel eingetreten und die Gefahr des Verdurstens groß war, die Kamele schlachtete, um sich des Inhalts der Wasserzellen zu bemächtigen und zu trinken.

Das veranlaßte Lessing zu den Versen:

Ich hab’ so oft bei meiner Seel’
Darüber nachgedacht,
Wie gut’s der Herrgott dem Kamel
Und wie bequem gemacht:
Es trägt ein Faß im Bauch daher
Wenn’s nur voll Merseburger wär’!

Voll Merseburger, oder voll eines andern guten Stoffes von den nötigen kühlen, in der Wüste doppelt und dreifach wohltätigen Temperatur, — aber in Wahrheit mag jenes Kamel-Magenwasser eine trübselige Brühe sein, und den Zechern fehlten, wenn sie ihre Kamele „ausgetrunken“ hatten, dann die Mittel, weiter und aus der Wüste heraus zu kommen — kurz und gut, ich habe schon als Junge nicht an diese Geschichte geglaubt und tue es heute erst recht nicht!

Marshall, Die Tiere der Erde (in 3 Bänden)

Die Encyclopedia Americana äußert sich im Artikel „Camels“ sehr skeptisch zum Austrinken von Kamelmägen und gibt eine wenig appetitanregende Beschreibung des Mageninhalts.

Actually, the fluid in these glandular sacs has the same salt content as the rest of the body, looks like green pea soup, and is quite repulsive.

Encyclopedia Americana, Vol. 5: Burma to Cathay, New York, 1974

Fett aus dem Höcker liefert metabolisches Wasser

Die Höcker der Kamele enthalten Fett als Energiereserve für schlechte Zeiten. Werden diese Fettreserven im Stoffwechsel abgebaut, entsteht dabei tatsächlich Wasser.

Die Vermutung, dass der Höcker deshalb vorhanden ist, um später metabolisches Wasser aus dem Fett freizusetzen, ist allerdings nicht haltbar. Der Stoffwechsel läuft nicht unabhängig von der Atmung. Bei der oxidativen Fettverbrennung wird Sauerstoff benötigt, welcher über die Atmung zugeführt werden muss. Insgesamt geht dabei mehr Wasser über die Atmung an die Wüstenatmosphäre verloren, als durch den Metabolismus produziert werden kann.

Auch stellt sich dann die Frage, warum ausgerechnet das Einhöckrige Kamel, das in den heißen Wüsten zuhause ist, nur einen Höcker hat und nicht zwei oder noch mehr.

Ein weiterer Nachteil der Gewinnung von Wasser aus dem Stoffwechsel ist die Tatsache, dass dabei Wärme generiert wird, die an die Umgebung abgestrahlt werden muss.

Höcker als Zuchtprodukt

Das Buch Werden und Vergehen von Carus Sterne von 1886 bietet als Erklärung für das Vorhandensein der Kamelhöcker eine völlig absurde Theorie:

Was nun den einfachen oder doppelten Höcker betrifft, wodurch der Rücken der Kamele so sehr verunziert wird, so hat Lombroso ziemlich wahrscheinlich zu machen gewußt, daß derselbe nur eine durch das Jahrtausende hindurch fortgesetzte Lasttragen erzeugte Anomalität ist, und daß bei gewerbsmäßigen Lastträgern, die in Genua Camallo heißen, bei einem ansehnlichen Prozentsatz ein ähnliches Fettpolster sich an der Stelle, wo die Last aufliegt mit Verstärkung der Dornfortsätze des Rückrats bildet, die sogar bei ihnen einen bestimmten Namen hat.

In der That zeigt der Embryo des Kameles keine Spur dieser Höckerbildung, und dieselbe verliert sich ebensowohl bei den mitunter verwildert gefundenen Kamelen, als bei den sogenannten Laufkamelen (Maharis) der Araber, die niemals zum Lasttragen benützt werden. Die einfachen und doppelten Höcker der Kamele und Dromedare seien daher als uralte Züchtungsprodukte der Menschheit zu betrachten und mit den Knieschwielen desselben Thieres, die sich ebenfalls bei den Laufkamelen verlieren, auf eine Linie zu stellen.

Carus Sterne, Werden und Vergehen, 1886
Ein Dromedar (Camelus dromedarius) in Turkmenistan

Ein Dromedar (Camelus dromedarius) in Turkmenistan. Foto von Nancy Abeiderrahmane.

Literatur zum Thema