Das Dromedar auf den Kanarischen Inseln
Die erfolgreichste Einführung von Dromedaren außerhalb ihres normalen Verbreitungsgebietes, abgesehen von Australien, fand auf den Kanarischen Inseln statt. Diese liegen vor der Westküste Afrikas und bieten Dromedaren ein gutes Klima. Das Einhöckrige Kamel kam später auf die Kanarischen Inseln als die geographische Nähe zu Afrika vermuten läßt.
Jean de Béthencourt brachte die Kamele auf die Inseln
Zwischen 1402 und 1405 eroberte und annektierte der normannische Abenteurer und Ritter Jean de Béthencourt mit der Unterstützung Heinrichs III. von Kastilien die Inseln Lanzarote, Fuerteventura und El Hierro. In seiner Heimat liefen die Dinge nicht gut. Er hatte Schulden und gegen ihn liefen mehrere Prozesse. Daher war seine Motivation wahrscheinlich kommerzieller Natur – er wollte in den Farbstoffhandel einsteigen.
Die Karte zeigt die Kanarischen Inseln.
Auf den Kanarischen Inseln wächst eine spezielle Flechtenart (Rocella tinctoria), im Spanischen „Orchilla“ genannt, die zur Herstellung von Farbstoffen genutzt werden kann, französisch Orseille. Ab dem 13. Jahrhundert gab es wieder Handel mit Orseille in Europa, nachdem das Wissen um die Herstellung von Orseille aus Rocellaflechten im Abendland für etwa tausend Jahre verloren gegangen war.
Bevor Jean de Béthencourt im Jahr 1406 für immer in seine Heimat zurückkehrte, um seinen neuen Titel „König der Kanarischen Inseln“ und alle eventuellen finanziellen Einkünfte aus dem Farbstoffhandel zu genießen, gründete er eine französische Kolonie und brachte dabei Dromedare aus Marokko auf die Kanarischen Inseln (Bulliet, 1990).
Dromedare als Nutztiere auf den Kanarischen Inseln
Die Einführung der Dromedare auf den Kanarischen Inseln verlief sehr erfolgreich. Die Bevölkerung der Inseln entwickelte offenbar ein Interesse für die Kamelzucht. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Kamele als Last- und Zugtiere eingesetzt, um beispielsweise mit einem Holzpflug einen Acker umzupflügen.
Ein Dromedar im Einsatz beim Pflügen auf Lanzarote. Foto von Pino Vaues.
Ein Dromedar als Zugtier auf einem Acker auf Lanzarote. Foto von Pino Vaues.
Der Ackerboden auf den Vulkaninseln Fuerteventura und Lanzarote hat eine besondere Beschaffenheit: Durch das Vorhandensein von Vulkanasche ist die Erde sehr weich. Ein Dromedar hat als Schwielensohler damit weniger Probleme als andere Zugtiere.
Als Transporttiere wurden eher Esel eingesetzt, denn die Inseln sind in ihrer Ausdehnung nicht so groß, dass man Karawanentiere einsetzen müßte.
Heute gehört schon sehr großes Glück dazu, ein Dromedar mit Holzpflug auf einem Acker im Einsatz anzutreffen. Auf Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote sind Dromedare inzwischen fast ausschließlich als Touristenattraktion zu sehen.
Dromedare wurden von den Kanarischen Inseln exportiert
Nach der Einführung wurden in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Dromedare von den Kanarischen Inseln in andere Länder exportiert. Die meisten dieser Akklimatisierungsprojekte verliefen nicht erfolgreich, weil die Tiere entweder die Reise nicht überstanden oder mit den neuen Umweltbedingungen nicht zurecht kamen.
Das erste Kamel, das 1840 Australien lebend erreichte, kam von den Kanarischen Inseln. Sein Name war „Harry“, aber als „Horrocks’s Beast“ erlangte es tragische Berühmtheit.
Die Mondlandschaft auf Lanzarote bietet perfektes Klima für Kamele
Die beiden östlichen Kanarischen Inseln, Lanzarote und Fuerteventura, bieten mit ihren ariden bis semiariden Klimaverhältnissen einen guten Lebensraum für Dromedare. Das Klima ist dort den Bedingungen der westlichen Sahara sehr ähnlich, die nur wenig mehr als 100 km Luftlinie entfernt ist. Die karge „Mondlandschaft“ von Lanzarote diente auch schon den Astronauten vor dem ersten Flug zum Mond als Trainingsgelände.
Man kann mit einer Touristengruppe eine Reise durch das unwirkliche Gelände von Lanzarote unternehmen und die roten Tephrakegel vom Kamelrücken aus bestaunen.
Eine Karawane von Dromedaren zieht durch die Mondlandschaft von Lanzarote. Foto von Pino Vaues.
The History of the Discovery and Conquest of the Canary Islands, George Glas, 1764All the orchilla-weed of Tenerife, Canaria, and Palma belongs to the King, and is part of his revenue; the orchilla of the other islands belongs to their respective proprietors.
Literatur zum Thema
- The History of the Discovery and Conquest of the Canary Islands, George Glas, 1764