Das Dromedar in Australien

Die abenteuerliche Geschichte der Kamele im Land der Kängurus

Die erfolgreichste Einführung von Dromedaren außerhalb ihres Verbreitungsgebietes fand vor etwa 150 Jahren in Australien statt. Das Einhöckrige Kamel spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Infrastruktur und in der abenteuerlichen Erforschung des wüstenartigen Landesinneren Australiens.

Nachdem die Kamele durch den motorisierten Transport und die Eisenbahn ersetzt wurden, hat man viele von ihnen frei gelassen. Heute leben verwilderte Dromedare in großer Zahl im Outback und bilden die einzige bekannte Population verwilderter Kamele der Welt.

Die Geschichte des Dromedars in Australien ist eine besondere.

Diese Karte zeigt die Bundesstaaten von Australien 1911. Die für die Geschichte des Kamels wichtigsten Häfen und Orte sind eingezeichnet

Diese Karte von Australien zeigt die Bundesstaaten im Jahr 1911 und diejenigen Orte und Häfen, die am Beginn der Geschichte des Dromedars eine wichtige Rolle spielten.

Horrocks’s Beast“ – Das erste Kamel in Australien

Am 12. Oktober 1840 erreichte das Dampfschiff Appoline Port Adelaide in Südaustralien und brachte ein Kamel mit. Dieses Dromedar war der einzige Überlebende einer Schiffsladung Kamele von den Kanarischen Inseln. Seine Geschichte endet tragisch.

Nachdem es mehrere Jahre auf der Penwortham Sheep Station der Brüder Horrocks in der Nähe von Clare eingesetzt worden war, wurde es im Juli 1846 mit auf eine Expedition genommen: Sechs Männer, darunter auch John Horrocks, dem das Kamel gehörte, machten sich mit Pferden, einem Wagen und dem Kamel auf den Weg, um ein noch unbekanntes Territorium im Westen des Lake Torrens zu erforschen. Somit wurde es auch das erste Kamel, das bei einer Expedition in Australien eingesetzt wurde.

Sechs Wochen nach Beginn der Expedition zog sich John Horrocks beim Schießen eines Vogels für seine Sammlung eine Armverletzung zu: Beim Laden des Gewehrs bewegte sich das Kamel und es löste sich ein Schuß, der ihm zwei Finger abriss und eine Reihe Zähne ausschlug. Horrocks wurde lebend zur Penwortham Sheep Station zurückgebracht, aber seine Wunden infizierten sich.

John Horrocks starb einen Monat später an den Verletzungen und die Kolonisten hatten so große Angst vor seinem Kamel, dass es danach „Horrocks’s Beast“ genannt wurde. Dem letzten Wunsch seines Besitzers entsprechend, wurde das unglückliche Kamel vom ersten Bürgermeister von Clare, Edward Burton Gleeson, erschossen. Dieser fürchtete sich vor dem Tier so sehr, dass er beim Schießen nicht richtig traf und jemand anderes die gruselige Angelegenheit beenden musste.

Tasmanian Oddity“ – Der zweite Import von Kamelen

Im Dezember 1840 lief das englische Handelsschiff Calcutta in Hobart, Tasmanien, ein. An Bord befanden sich zwei gesunde Dromedare. Mr. J. Thompson hatte die beiden von der Insel Teneriffa bestellt. Bei der Ankunft der Kamele in Hobart schickte Mr. Franklin, der Governor von Tasmanien, an den Governor von Südaustralien, Mr. George Gawler, den Vorschlag, dass der Entdecker Edward John Eyre Kamele mit auf seine Expedition nach Westaustralien nehmen solle. Diese Empfehlung kam etwas spät, denn Mr. Eyre war schon sechs Monate zuvor von Adelaide aufgebrochen.

Die Dromedare wurden dann per Schiff nach Melbourne gebracht, um dort von Mr. J. Ardlie als Attraktion auf dem Jahrmarkt ausgestellt zu werden. Dort kam auch ein Jungtier zur Welt, das erste Kamel, das in Australien geboren wurde. Gegen Ende 1841 wurden die drei Kamele in Sydney zum Verkauf angeboten, es fanden sich aber keine Käufer.

Nachdem die Tiere wieder nach Melbourne gebracht worden waren, wurden sie dort 1842 vom Governor von New South Wales, Sir George Gipps, für je £75 ersteigert und nach Sydney zurückgebracht. Das weitere Schicksal der Tiere ist offiziell unbekannt.

Die Expedition von Burke und Wills

Im Juni 1860 legte die Chinsurah aus Karachi (Indien) in Melbourne an. Nach einer Unterbrechung von zwei Dekaden kamen nun wieder Kamele nach Australien: 24 Tiere. Außerdem waren auch einige als „Afghans“ bezeichnete Kamelführer mit dabei. Die Kamele sollten bei der Expedition von Burke und Wills eingesetzt werden, die von der Royal Society of Victoria finanziell unterstützt wurde und das Ziel hatte, den australischen Kontinent von Süden nach Norden zu durchqueren.

Das Victorian Exploration Committee hatte zwei Jahre zuvor Mr. George James Landells engagiert, der zu dieser Zeit bei der East India Company angestellt war, um Pferde von Australien nach Indien zu exportieren, und deshalb häufig zwischen Australien und Indien hin und her reiste. Mr. Landells sollte für £3000 Kamele kaufen und Kamelführer rekrutieren.

Noch sechs weitere Kamele wurden vom Victorian Exploration Committee gekauft. Sie waren von Mr. White & Co. importiert worden und hatten Australien auf der Malta erreicht.

Auf Mr. Landells ausdrücklichen Wunsch wurden 60 Gallonen Rum zu den Vorräten der Expedition hinzugefügt – und zwar für die Kamele! Er hatte das Committee beschwatzt, dass der Rum bei den Kamelen Skorbut verhindere und das Überleben in der Wüste fördere.

Am 20. August 1860 startete die Expedition mit großem Wirbel von Melbourne aus, mit nur 26 Kamelen – die restlichen vier waren wegen Krankheit zu Hause geblieben.

Schon bald nach dem Aufbruch gerieten Mr. Landells und Mr. Burke miteinander in Streit. An der Kinchega Station, sechs Meilen vor Menindee, hatten Ortsansässige den Rum entdeckt und sich wohl darüber hergemacht. Auch vorher hatten schon einige Mitglieder der Expedition mit der „heilsamen Wirkung“ des Rums experimentiert. Mr. Burke, der Besäufnisse während der Expedition missbilligte, erteilte daraufhin die Anweisung, den Rum zurückzulassen. Mr. Landells war allerdings anderer Meinung und es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung. Nach diesem Streit kündigte Mr. Landells und kehrte nach Melbourne zurück. Dort erklärte er, dass Mr. Burke verrückt sei.

In Menindee wurde das große Expeditionsteam neu organisiert und nur ein Teil der ursprünglichen Mannschaft nahm im Oktober die Reise in Richtung Cooper’s Creek wieder auf. Etwa einen Monat später errichteten sie dort ein Basislager. Weitere Mitglieder blieben zurück und nur eine kleine Gruppe, bestehend aus den vier Männern Robert O’Hara Burke, William John Wills, George Grey und John King, setzte die Reise nach Norden mit sechs Kamelen und Burkes Pferd „Billy“ erfolgreich fort.

Im folgenden Jahr erreichten die vier Männer mit ihren Tieren die Mündung des Flinders River an der Nordküste von Queensland.

Der Rückweg entpuppte sich jedoch als Desaster. Das Pferd „Billy“ und zwei der Kamele wurden gegessen. Zwei weitere Kamele wurden unterwegs zurückgelassen. Das Kamel „Landa“ war mit den Beinen in einem sumpfigen Wasserloch eingesunken und wurde nach zwei Tagen intensiver Befreiungsversuche erschossen. Das letzte Kamel „Rajah“ war im Mai 1861 vor Erschöpfung zusammengebrochen. Von den vier Männern überlebte nur John King – Grey, Burke und Wills waren am Cooper’s Creek gestorben.

In der Zwischenzeit waren mehrere Rettungsteams aufgebrochen, um nach Burke und Wills zu suchen. Die Gruppe von Mr. Alfred Howitt fand schließlich den ausgehungerten, aber lebenden John King bei den Aborigines.

John McKinlays Rettungsexpedition

Im Jahr 1861 brach John McKinlay mit vier Kamelen und 24 Pferden zu einer Rettungsexpedition auf. Das Ziel war Burke und Wills zu finden. McKinlays Gruppe erforschte ein großes Territorium, entdeckte Spuren der Expedition von Burke und Wills und fand die sterblichen Überreste von George Grey.

Obwohl das eigentliche Ziel, Burke und Wills zu finden, nicht erreicht worden war, bewiesen die Kamele deutlich ihre Vorteile beim Einsatz als Expeditionstiere im Inneren Australiens.

Sir Thomas Elder importiert Dromedare in großem Stil

Der Weg für die Einführung von Dromedaren nach Australien war nun geebnet. Die weitere Geschichte des Dromedars in Australien ist eng verknüpft mit Sir Thomas Elder und seiner Beltana Station, dem ersten Kamelgestüt Australiens.

Im Jahr 1857 hatte Mr. Thomas Elder an einer Pilgerreise von Kairo nach Jerusalem teilgenommen und dabei die Vorzüge des Kamels als Wüstentier kennengelernt. 1862 schickte er Mr. Samuel J. Stuckey nach Melbourne, um mit Mr. George Landells die Möglichkeit weiterer Kamelimporte aus Indien zu diskutieren. Mr. Landells hatte auch schon die Kamele für die Expedition von Burke und Wills besorgt.

Mr. Stuckey reiste von Melbourne zunächst nach Bombay und dann weiter nach Karachi. Dort Kamele zu kaufen war kein Problem, aber ein Transportmittel aufzutreiben, um die Tiere nach Australien zu bringen, schien unmöglich. So kehrte er vorerst mit leeren Händen nach Adelaide zurück.

Ende 1865 reiste Mr. Stuckey erneut nach Karachi. Ein extra dafür gechartertes Schiff, die Blackwell, wurde mit 124 Kamelen beladen. Die weitere Ladung bestand aus 31 Eseln, 80 Schafen, 2 Ochsen, 2 Rehen, einer Kuh und einem Quagga (eine inzwischen ausgerottete Zebraart, die in den Steppen Südafrikas lebte). Mit dabei war auch ein leerer Spatzenkäfig, die Spatzen waren kurz vor der Abreise entflohen. Die Kamele wurden von 31 Kamelführern begleitet, den sogenannten „Afghans“ oder „Ghans“.

Im Januar 1866 lief die Blackwell in Port Augusta ein, 121 Kamele hatten die Überfahrt überlebt. Es war die bisher größte Anzahl nach Australien importierter Kamele. Eine neugierige Menschenmenge hatte sich versammelt, um das spektakuläre Entladen der Kamele zu beobachten. Die Tiere wurden dazu mit einem großen Kran aus dem Schiff gehoben. Unter den Zuschauern befand sich auch Colonel Peter Egerton-Warburton, der später selber mit Kamelen auf Expedition ging.

Einige Tage danach machte sich eine Karawane auf den 230 Meilen langen Weg nach Umberatana. 59 Kamele starben während der Reise an der Kamelräude, einer Erkrankung, die durch parasitäre Milben hervorgerufen wird.

Nach einigen Wochen wurden die Dromedare zur Beltana Station gebracht. Unter der Leitung von Mr. Phillipson erwarb dieses erste Kamelgestüt Australiens in den kommenden Jahren einen ausgezeichneten Ruf. Für die Einführung der Dromedare nach Australien und seine Verdienste wurde Mr. Thomas Elder später zum Ritter geschlagen.

Die Leistung von Mr. Samuel Stuckey wurde von der Öffentlichkeit nicht beachtet. Einige Jahre später schrieb er ein verbittertes Buch darüber, das ebenfalls niemanden interessierte. Sir Thomas Elder hingegen war als „Unternehmer mit Vision“ sehr bekannt und angesehen.

Einsatz der Kamele bei Bauprojekten im Outback

Während der Blütezeit der Dromedare in Australien gab es wenige große Bauprojekte im Outback. Allerdings waren die Strecken, die bei diesen Vorhaben zu überwinden waren, gigantisch. Das Territorium war oft noch nicht erschlossene Terra incognita und bestand aus Wüste. Kamele waren bei den ersten Großprojekten im Outback äußerst nützlich.

Diese Karte zeigt die großen Bauprojekte in Australien, bei denen Kamele eingesetzt wurden.

Diese Karte zeigt die großen Bauprojekte in Australien, bei denen Kamele eingesetzt wurden.

Die Overland Telegraph Line (1870–1872)

Zwischen 1870 und 1872 wurden die meisten Kamele der Beltana Station in einem gewaltigen Bauprojekt eingesetzt: Zwischen Adelaide und Darwin wurde die Overland Telegraph Line verlegt. In Darwin wurde sie mit einem Unterwasserkabel verbunden, welches über Java und Indien eine Verbindung mit England herstellte.

Der Bau der Linie begann gleichzeitig von Norden und von Süden. Das Mittelstück war bekannt als die Central Section. Die Umsetzung des Projekts lag in den Händen von Mr. Charles Todd, der zuvor der Postmaster-General von Südaustralien gewesen war und nun zum Superintendent of Telegraphs ernannt worden war. Als Termin für die Fertigstellung dieser ehrgeizigen Unternehmung wurde der 1. Januar 1872 festgesetzt.

Der Bau der Central Section wurde über zwei Hauptdepots organisiert, das eine bei The Peake, das andere bei Alice Well. Die Kamele wurden benötigt, um Baumaterial und Nahrungsmittel zu liefern. Vor allem die Masten und die Baustoffe für die Telegraphenstationen wurden mit den Camel Trains transportiert. Zusätzlich zu den Camel Trains gab es auch einige Pferdewägen, die dem Projekt zugeteilt waren. Pferde waren aber oft ungeeignet, um die langen wüstenartigen Strecken zu durchqueren.

Große Teile des Landes, durch welches die Telegraphenlinie gelegt werden sollte, waren noch völlig unerforscht. Aufklärungsexpeditionen wurden vorausgeschickt, an denen auch Kamele und „Afghans“ der Beltana Station beteiligt waren.

Die Overland Telegraph Line wurde im August 1872 fertiggestellt. Das erste Cablegram aus England kam am 22. Oktober 1872 an. Das gesamte Bauprojekt hatte £479 174 gekostet, weit mehr als die von Charles Todd geschätzten £120 000.

Western Australia No.1 Rabbit-Proof Fence System (1901–1908)

Lange Zaunsysteme wurden in Australien mehrfach gebaut und oft waren Kamele beteiligt. In Westaustralien erreichte das Bauen von Zäunen extreme Ausmaße. Hunderte Meilen Zaun wurden durch die Landschaft gezogen, um Dingos, Kaninchen, Känguruhs und Emus in ihrer Ausbreitung einzugrenzen.

Beim Bau des No.1 Rabbit-Proof Fence System in Westaustralien waren von Beginn an Kamele im Einsatz. Zu manchen Zeiten waren es 350 Tiere, die das Material für den Bau des Zauns und die Verpflegung für die Arbeiter herbeischafften.

Ressourcen

Auf der Website der State Library of Victoria findet man sehr gute Informationen über die Expedition von Burke und Wills, zum Beispiel die Aufzeichnungen von William John Wills.

Literatur zum Thema